Geschichte: Wie erziehe ich meine Besitzer - ein Kater erzählt



Irgendwo in einem Hinterhof, im Sommer, bei Nacht, sitzt ein schwarzer, junger Kater auf übereinander gestapelten Holzkisten und Paletten, neben ihm stehen drei silberne Mülltonnen und vor ihm, auf dem Asphalt, sitzen dutzende Katzen in allen Farben und Formen und sehen zu dem Kater auf, der aus seinem Leben berichtet:

>>Meine lieben Mitkatzen, liebe Gleichgesinnte, habt ihr euch eigentlich schon einmal Gedanken gemacht, wie man seine Menschen – sie nenn sich oft Besitzer oder Herrchen und Frauchen- zur Weißglut treiben kann? Nein? Na, dann passt mal auf! Ich, Kerubin, wohne nun schon seit einem Jahr bei der Menschenfrau Leona und ihrem niedlichen Jungen Darius. Eigentlich ist es ganz lustig bei den beiden, aber immer wieder, wenn die Nacht vorbei ist und ich ein paar Stunden mit schmusen und spielen beschäftigt werden möchte, kommt Mama Leona (Darius nennt sie immer Mama, Besucher nennen sie Leona) auf die irrsinnige Idee, arbeiten gehen zu wollen!

Liebe Katzen und Kater, ich, ein kleiner schwarzer, attraktiver Kater, habe natürlich keine Ahnung, was Arbeit ist, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass dies etwas sehr spaßiges ist, was meine Menschen nicht mit mir teilen wollen! Ihr könnt euch denken, dass mir dies nun ganz und gar nicht gefällt und deshalb setze ich jetzt alles daran, dieses tägliche „Arbeiten-Gehen“ zu unterbinden!

Nun könnt ihr euch ja sicher denken, dass ich schon einige Methoden ausprobiert habe, um Mama Leona und Darius davon abzuhalten, die Wohnung zu verlassen.

Zuerst war ich ein äußerst höflicher Kater und brachte den beiden als Geschenk eine köstliche Maus mit. Ich ließ sie am Leben, weil ich dachte, dass dies ihren Jagd- und Spieltrieb wecken würde und so macht das Fressen doch viel mehr Spaß, wie ihr mir sicherlich zustimmen werdet. Nicht wahr?!<<

Einstimmiges Miauen war zu hören und der Kater fuhr in seiner Erzählung fort:

>>Nun, Mama Leona war alles andere als begeistert. Verstehe einer die Menschenweibchen! Nun gut, ich bin ja ein sehr kluges und geduldiges Lebewesen und brachte meine nächste Maus deshalb in totem Zustand in mein neues Zuhause.
Ich legte sie direkt hinter die Wohnungstüre, damit Mama Leona sie gleich finden konnte. Doch ihr werdet nicht glauben, wie undankbar Mama Leona ist! Kaum trat sie in die Wohnung und erblickte mein kostbares Geschenk, da warf sie es auch schon weg!

Dies jagte mir, der ich mich hinter der braunen Vitrine im Flur versteckte,  einen solch großen Schreck ein, dass ich erst nicht wusste was tun. Aber, ich lasse mich ja nicht so schnell entmutigen!
Um über meine momentane Situation gut nachdenken zu können, begann ich grade genüsslich meine Krallen neben dem Esstisch im Flur, an der neuen Tapete – meine Menschen haben extra für mich eine neue Tapete im Flur anbringen lassen- zu schärfen, da hörte ich Mama Leona schreien: „Kerubin! Was fällt dir denn ein?! Die neue Tapete!“ Und somit verließ ich blitzartig meine Wohnung und flüchtete mich auf diese Art ins Freie, wo die Nacht bereits angebrochen war.

Über viele Stunden schlenderte ich so durch die Gassen und versuchte zu verstehen, warum meine Menschen etwas dagegen hatten, dass ich die neue Tapete zur Krallenschärfung nutzte, wo das doch soooo schön ist, da hörte ich das hinterhältige Miauen von diesem Fettwanz Balthasar! „Na, du kleiner Menschenfreund, du traust dich hinaus in die Welt der Straßenkatzen? Was willst du hier?! Das ist unser Revier! Bleib du nur schön bei deinen Menschen, schmeichle ihnen und lass dir dafür einen dicken Bauch anfüttern!“

Während der rotgestreifte Kater sprach, drehte ich mich zu ihm um und stellte mein Fell ganz deutlich nach oben, damit klar war, dass ich kampfbereit war. Ich fauchte: „Meine Menschen sind in Ordnung! Nur weil ich bei den Menschen lebe, heißt das nicht, dass ich kein normaler Kater bin! Komm her, dir werd ich’s zeigen!“

Mit diesem Satz sprang ich auf Balthasar los und biss ihm ins Ohr. Balthasar kratze über mein Gesicht und warf mich zu Boden. Schließlich war er viel dicker und größer als ich. Wir kämpften bis zum Morgengrauen und keiner von uns ging als Verlierer aus diesem Kampf, denn als beim Morgengrauen Herr Hurzelwurz mit seinem Hund Schlappi Gassi ging, wurden wir durch den stämmigen Boxerrüden getrennt und jeder von uns floh in eine andere Richtung.

So zerzaust wie ich war, kam ich schließlich am Morgen nach Hause und begegnete dort Darius, der mich erschrocken ansah. „Kerubin, wie siehst du denn aus?!“ Rief Darius und Mama Leona kam schnell ums Eck, warf sich die Hände vor den Mund und brachte zwischen ihren Fingern ein: „Ach du lieber Himmel!“, hervor. Beide stürzten sich auf mich, um mich von allen Seiten zu begutachten.
Endlich hatte ich die Aufmerksamkeit, die ich mir gewünscht hatte! Vier Hände fühlten, graulten und tätschelten und meine Wunden taten gar nicht mehr weh, was ich mit einem fröhlichen „Miau“ verkündete.

„Es scheint ihm wieder gut zu gehen“, vermutete Mama Leona laut und zu Darius gewandt sagte sie: „Du kannst jetzt deine Hausaufgaben machen und ich werde noch eine Maschine Wäsche waschen, bevor ich gehe.“

Ihr müsst wissen, dies geschah an einem Samstag und da musste oder wollte Mama Leona auch arbeiten gehen. Als ich nun feststellen musste, dass mich keiner mehr bedauerte, verzog ich mich erst einmal in die Höhle meines Kratzbaumes zurück, um darüber nachzudenken, warum mich jetzt wieder alle ignorierten.
Ich ließ das eben geschehe Revue passieren und stellte fest, dass ich einfach nur verletzt sein musste, damit meine Menschen mich ausreichen beachteten. Also startete ich meinen nächsten Plan! Ich humpelte in das Zimmer von Darius und war voll darauf konzentriert, jedes Mal, wenn ich mit meiner rechten Vorderpfote auftrat, herzzerreißend aufzumiauen. Es dauerte nicht lange, da war die Stimme von Darius in der ganzen Wohnung zu hören: „Mama, Mama, Kerubin ist doch schwer verletzt, er kann nicht mehr laufen!“ Darius trug mich zu Mama Leona, die mich zweifelnd ansah. „Setz ihn auf den Boden, Darius, ich will mir das selber ansehen.“ Darius tat, was Mama Leona ihm sagte und ich spielte wieder das Spiel des armen verletzten Katers.

Auf Mama Leonas Stirn zeichnete sich eine tiefe Falte ab. Sie ergriff meine Pfote und suchte nach etwas, was ich mir reingetreten haben könnte, wie einen Gassplitter oder einen Dorn, doch natürlich fand sie nichts. Dann tastete sie mein Bein nach Brüchen ab, doch auch dies blieb erfolglos.

Nun sah Mama Leona auf und sagte zu Darius: „Ich muss jetzt arbeiten gehen. Du gehst am besten gleich mit Kerubin zu Frau Doktor Lara und erzählst ihr, was passiert ist. Hier hast du Geld“, sie griff zu einem abgeblassten roten Portemonnaie, „das langt auf jeden Fall für Kerubins Behandlung und eventuelle Medikamente.“ Darius nahm mich fest in seine Arme, das Portemonnaie hatte er in der rechen Hand, und nickte. „Ja Mama, ich mache mich gleich auf den Weg.“ Sagte er mit brüchiger Stimme, dann setzte er mich in diesen seltsamen Korb mit Gittern davor in dem sie mich meistens irgendwo hin mitnahmen und zog seine Jacke an. Mama Leona knuddelte Darius noch einmal richtig, flüsterte ihm ins Ohr, dass alles gut gehen würde, und dann nahm Darius meinen Korb und verließ mit mir die Wohnung, um mich zum Tierarzt zu bringen.

Im Wartezimmer der Frau Doktor war es leer und somit kamen wir schnell dran. Eigentlich mag ich die Frau Doktor und vor allem die guten Leckerlis, die sie stets für mich hat, aber leider riecht es dort immer ganz schrecklich nach Hund und manchmal tut mir Doktor Lara auch weh. Doch jetzt hieß es‚ Zähne zusammen beißen und durch!
Die Frau Doktor untersuchte mich gründlich und sagte zu Darius: „Ich kann absolut nichts finden. Ich werde dir jetzt Tabletten für Kerubin mitgeben, die ihm auf jeden Fall nicht schaden werden. Es könnte sein, dass er eventuell nur Muskelkater hat oder seine Sehnen etwas gezerrt sind. Die Tabletten gibst du ihm zwei Mal täglich mit etwas Futter, weil er sie sonst vermutlich nicht nehmen wird. Okay?“ Darius nickte, bezahlte, nahm die Tabletten, setzte mich in den Korb, den er sofort darauf hochhob und wir gingen wieder nach Hause.

„Armer Kerubin!“ Sagte er auf dem Heimweg immer wieder und da tat er mir auch ein bisschen leid, weil ich ihn reingelegt hatte. Das verflog allerdings gleich wieder, denn statt den ersehnten Streicheleinheiten bekam ich Daheim nun ganz ekelhafte Tabletten eingeschleust. Zuerst wollte Darius mir die erste Tablette ins Dosenfutter mischen, aber ich bin ja nicht blöd und habe es stehen lassen, bis ich was anderes bekam. Dann hat er versucht die Tabletten in Schinken einzurollen. Ich nahm jedoch den Schinken, verstecke mich hinkend in einer Ecke und schüttelte das Stück so lange, bis die Tablette heraus fiel und ich den Schinken getrost fressen konnte. Darius dachte, ich hätte die Tablette genommen und probierte nicht mehr, mir eine Tablette unterzujubeln.

Am Abend kam Mama Leona nach Hause und fragte Darius nach meinem Befinden. Er erzählte ihr alles und sie aßen gemeinsam, dann verschwand Darius in sein Zimmer, Mama Leona schnappte sich den Staubsauger und dabei geschah es!
Mama Leona kam in die Ecke, in der ich die Tablette liegen gelassen hatte (ich hätte sie doch im Blumentopf verstecken sollen, aber ich wollte meine Pfoten nicht beschmutzen) und rief: „Kerubin, du Teufel!“ Während Darius aus seinem Zimmer kam um zu Mama Leona zu laufen, versteckte ich mich im Kratzbaum und linste hinaus. Mama Leona zeigte mit dem Finger auf die Tablette, sah zu Darius, der mit offenem Mund dastand und blickte danach zu meinem Kratzbaum. Dann ging eigentlich alles ganz schnell. Unter der Couch kam eine Maus hervor, Mama Leona schrie vor Schreck auf, Darius bekam leuchtende Augen und ich konnte mich nicht länger zurückhalten und jagte der Maus hinterher, fing sie und biss sie tot, um sie Mama Leona als Wiedergutmachung zu schenken. Nun wusste ich ja, dass sie tote Mäuse nicht mochte, hoffte dennoch, dass sie mein Vorhaben verstand.
Doch statt auf die Maus zu ihren Füßen zu achten, sprach sie: „Deiner Pfote scheint es ja wieder gut zu gehen!“ Und blickte mich düster an. Und somit endete auch dieser Versuch erfolglos, meine Leute davon zu überzeugen, dass sie mir mehr Aufmerksamkeit widmen müssen.

Nun, meine lieben Mitmaunzer, nach ein paar Wochen der Pause, habe ich meinen letzen Versuch gestartet! Jeden Morgen, kurz bevor meine Futtergeber das Haus verlassen, und manchmal auch abends, klettere ich auf das Dach des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnen und miaue, was das Zeug hält. –Nebenbei bemerkt: Von dort oben aus hat man wundervolle Schallwellen und wird weit gehört.- Um noch mehr Aufmerksamkeit von meinen Leuten zu erhaschen, tue ich immer so, als ob ich von alleine nicht mehr hinab kann und Mama Leona bittet unsere Nachbarn, die direkt unterm Dach wohnen und auch schon Katzenerfahrung haben, das Dachfenster zu öffnen, damit ich wieder hinein kann. Ob diese Aktion etwas bringt, weiß ich noch nicht, aber ich will es auf jeden Fall weiterhin versuchen!

Liebe Katzen, liebe Kater! Bitte drückt mir alle Krallen, die ihr habt, denn so dumm und begriffsstutzig können die Menschen doch gar nicht sein! Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit und ein Dreifaches Miau auf uns Katzen!“

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