Geschichte: Das goldene Land


Der Markt war im vollen Gange. Das bunte Treiben auf den Straßen, das Schreien der spielenden Kinder und die lauten Stimmen der Marktrufer die ihre Ware anpriesen war überall zu vernehmen. An einer Wand, am Rande des Marktplatzes saß ein Mann, dessen Kleidung nicht besser war als die der spielenden Kinder. Seine braune Hose war löchrig und der Staub der Straße und des Platzes bedeckte sie, seine nackten Füße und sein ehemals weißes Hemd. Seine schulterlangen braunen Haare fielen ihm ungekämmt ins Gesicht, dass von der Sonne zwar gebräunt, aber auch ausgetrocknet war. Seine klaren blauen Augen blickten die vorbeigehenden Menschen an und auch er rief die Leute zu sich, auch er hatte Erfolg. „Kommt, Leute, Kommt! Hört her, was ich euch zu berichten habe. Hört die Geschichte vom goldenen Land. Kommt, um zu erfahren, warum ich nicht dort geblieben bin. Kommt, Leute, kommt!“ Und die Leute kamen und hörten die Geschichte, die der Mann zu erzählen hatte.

“Eines schönen Frühlingstages, es war an einem Sonntag und ich hatte nichts mehr auf meinem kleinen Hof zu tun, beschloss ich spazieren zu gehen. Die Sonne schien, die Bäume waren grün und die Vögel sangen ihr schönstes Lied. Vom langen Weg müd’ geworden, setzte ich mich auf einen der Grashügel außerhalb unseres Dorfes. Wie aus dem Nichts tauchte eine Gewitterwolke auf und ein furchtbarer Sturm begann. „Ach was für ein Leid!“ Sprach ich vor mich hin. „Kaum ist es mal schön und man traut sich heraus, kommt auch schon ein Gewitter herbei und verdirbt einem den ganzen Tag.“ Kaum hatte ich diesen Satz zu Ende gesprochen, streckte ein Hase neben mir sein Köpfchen aus seinem Bau, blickte mich an und sprach: „Willst du in ein Land, in dem den ganzen Tag nur die Sonne scheint? Ein Land, wo jeder fröhlich ist und keiner arbeiten darf?“ Etwas verwundert darüber, dass der Hase sprechen konnte und ich ihn verstand, aber auch neugierig, was das für ein Land sein sollte, bejahte ich seine Frage. Der Hase sprach weiter: „Wenn du einmal dort gewesen bist, kannst du nie wieder hier her zurückkehren.“

„Was soll ich hier, wenn ich in einem Land leben kann, in dem stets die Sonne scheint und ich keinen Finger mehr rühren muss. Ich bitte dich kleiner Hase, zeig mir den Weg.“ Der Hase hüpfte aus seinem Bau und rief mir zu: „Folge mir!“ Er hoppelte davon und ich folgte ihm über die grüne inzwischen nasse Wiese bis hin zum Waldrand.

Vor zwei Bäumen, deren Zweige wie ein Tor schienen, blieb er stehen. „Wenn du durch dieses Tor gehst sage laut und deutlich: „GOLDENES LAND, NIEMAND GEKANNT, REICH MIR DIE HAND! Dann bist du dort. Ich wünsche dir viel Glück Mensch!“ Ich tat, was der Hase mir gesagt. Kaum durch das Tor geschritten glaubte ich zu träumen. Doch nachdem ich meine Augen gerieben und diese vorsichtig-blinzelnd wieder öffnete, war ich noch immer im Paradies. Die Bäume waren golden und trugen silberne Blätter. Vögel aus Platin trillerten ihre Lieder. Die Sonne schien heller und schöner als je zuvor in unserem Land. Fröhlich schritt ich nun den Weg entlang, fest entschlossen niemals wieder zu arbeiten, wie es mir der Hase versprochen hatte.

Tage vergingen und langsam begann ich mich zu langweilen. Während ich durch das Goldene Land zog, entdeckte ich am Baume eine Frucht, deren Bäckchen mir so rot und appetitlich erschienen dass ich meinen Arm ausstreckte, um mich ihrer zu bedienen. Sofort waren die, aus Sand und Wasser entstandenen und durch Elfenzauber lebendig gemachten, Häscher von König Michael mit ihren Rappen um mich und nahmen mich fest. Mit blecherner Stimme sagte einer von ihnen zu mir: „In diesem Land ist es verboten irgendeine Arbeit zu verrichten! Wer sich dessen nicht bewusst ist, ist arm dran.“ Mit diesen Worten nahmen sie mich mit in ihre Festung, die sich in der Mitte des Landes befand.
König Michaels Schloss war von einer Mauer aus Onyx umgeben, die Türme waren von Rubinen und Smaragden besetzt. Die Gänge des Schlosses waren lang und mit feinster Eiche ausgelegt, rechts und links standen silberne und pechschwarze Ritterrüstungen. Bilder von Adligen hingen an der Wand, leicht verblasst und mit Spinnweben überzogen. Der Thornsaal selber, in den mich die Häscher brachten, war ein riesiger, hoch gebauter Saal, dessen Wände mit mir fremden Fahnen verziert waren. Hier sollte der König, der auf seinem großen goldenen Thron saß, über mich richten. Ich wagte nicht, ihm ins Gesicht zu blicken, doch ich fühlte auch so die Kälte, die von ihm ausging. Seine Stimme war düster und bereitete mir Gänsehaut.

„Welche Schuld trägt er?“ Fragte der König den Mann mit der blechernen Stimme. „Er wollte eine Salbu vom Baume pflücken Herr.“ Wieder erklang die leblose Stimme des Königs: „Ist er uns bekannt?“
„Nein, Herr. Er war noch nie in eurem Schloss.“ Das Schweigen König Michaels legte sich über den Raum und es erschien mir, als wolle es mich erdrücken. Ich zuckte zusammen, als ich wieder seine Stimme vernahm: „Höre Fremder, du hast dir bisher nichts zu Schulden kommen lassen, deshalb wollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen. Wisse, dass es strafbar ist, Arbeit zu verrichten. Sollte es dich dürsten, der Hunger dich plagen oder du sonst einen Wunsch haben, so äußeren ihn laut. Meine Elfen werden dir jeden Wunsch, der uns nicht schadet, erfüllen. Wisse, wenn du nochmals gegen das Gesetz verstößt, kann es dein Leben kosten!“ Ich zitterte am ganzen Körper und musste mich zwingen, eine möglichst ruhige Stimme zu haben. Es gelang mir nicht vollkommen: „Ddddanke Herr!“ Sagte ich, verneigte mich so tief, dass meine Nasenspitze fast den Boden berührte und wurde aufgrund einer Handbewegung des Königs von seinen Häschern wieder hinausgeführt.

Nun zog ich weiter meines Weges, stets darauf bedacht, keine Arbeit zu verrichten.

Den Fehler, einen Wunsch nicht zu äußern machte auch Nicole. Seit ich sie an einem Fluss kennen lernte, in welchem ich mir die Füße zu kühlen geruhte, war sie mir ein treuer Weggefährte geworden. Ihr Fehler war es, dass sie über eine Bank wischte, bevor sie sich setzen wollte. Wie aus dem Nichts erschienen die Häscher des Königs und nahmen das junge, stets fröhliche Mädchen mit den langen blonden Haaren, den rosigen Wagen und den grünen Augen mit sich. Von da an sollte ich sie lange Zeit nicht wiedersehen.

Ich zog weiter und schlief unterm Himmelszelt, frei wie ein Vogel, der in einem Käfig sitzt, dessen goldene Farbe Stück für Stück absplitterte. Jeder Tag, den ich in diesem Land erlebte, wurde mir mehr und mehr zur Qual. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als zurückzukehren auf diese wunderbare Erde, in unser herrliches Land.

Als meine Sehnsucht am größten war, traf ich Nicole wieder. Sie erklärte mir, dass sie aus ihrer Gefangenschaft entkommen sei und ich erzählte ihr, von meiner unsagbaren Sehnsucht nach meinem früheren Leben. „Ich weiß einen Rat mein Freund, aber du brauchst Mut!“ Nicole hatte meine Neugierde geweckt. Sie erzählte weiter: „Wenn die Sonne sich grün verfärbt, dann musst du in den großen See springen. Du wirst auf der anderen Seite wieder herauskommen, direkt vor dem großen Tor durch das du gekommen bist.“ Zu Nicoles Erklärungen ist noch zu sagen, dass die Sonne sich einmal im Monat grün verfärbt, so wie bei uns der Vollmond am Nachthimmel steht. Ich erfuhr, dass sie das Geheimnis der Rückkehr in ihrer Gefangenschaft hörte. König Michael hielt sie als Gesellschafterin in seinem Schloss gefangen und als Nicole eines Tages an der königlichen Tafel saß, um König Michael Gesellschaft zu leisten, erzählte dieser das Geheimnis der Rückkehr seinem zukünftigen Thronfolgen Prinz Jan. „Wirst du mitkommen Nicole?“ Sie sah mich traurig an. „Nein mein Freund. Ich habe die Gesichter, die mich liebten inzwischen vergessen. Hier ist meine Heimat. Auch wenn ich in Zukunft in Angst vor den Häschern und dem König leben muss.“
„Du kannst mit zu mir kommen. Meine Familie wird sich freuen dich kennen zu lernen!“
„Nein mein Freund. Ich bleibe hier.“ Ich sah, dass alle Bemühungen sie zu überreden zwecklos waren und akzeptierte schweren Herzens ihren Entschluss. Dann dachte ich wieder an meine Familie und freute mich darauf sie wiederzusehen.

Ich hatte in all den Jahren schon oft versucht, das große Tor wiederzufinden, durch das ich in dieses Land kam, doch meine Suche war immer vergebens. Nun konnte ich den Zeitpunkt der Sonnenverfärbung kaum noch erwarten.

Dann war es endlich soweit. Der Tag der Sonnenverfärbung war gekommen. Nicole und ich saßen im Gebüsch neben dem großen See und warteten, bis die Sonne ihre grünste Phase erreicht hatte. Dies war bald geschehen und ich sprang in den See. „Springe erst durch das große Tor, wenn du den Blitz siehst! Ich wünsche dir viel Glück!“ Rief Nicole mir noch nach, dann war ich schon auf der anderen Seite und sah das große Tor vor mir. Aber auch die Häscher des Königs waren da und versuchten mich zu hindern. Ihre Rappen trabten um mich herum und die Häscher versuchten mich mit ihren Lanzen aufzuspießen. Ich glaubte mein letztes Stündlein hätte geschlagen und dachte an meine Familie, die ich nie wieder sehen würde. Im letzten Moment sah ich den Blitz, nahm meinen ganzen Mut zusammen und sprang durch das große Tor.

Als ich die Augen aufschlug befand ich mich wieder in dieser, unseren Welt. Der Regen peitschte nieder. Es war, als wäre ich niemals weg gewesen. Doch etwas war anders. Ich freute mich über den Regen und konnte es kaum erwarten wieder arbeiten zu können. Meine Familie und meine Freunde empfingen mich liebevoll. Doch die Zeit war niemals vergangen. All die Jahre, die ich weg war, waren höchstens eine Minute gewesen. Von diesem Tage an erfreute ich mich meines Lebens.

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